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Impuls

30. Sonntag im Jahreskreis

"Schlimmer als blind sein

ist nicht sehen wollen!"

(Wladimir I. Lenin)


(Spiegelung im Taufbecken
in der "Kathedrale von Salisbury" England
© Christian Scheinost)

 

"Schlimmer als blind sein ist nicht sehen wollen!" Nicht sehen wollen hat viele Facetten. Es ist ein Verdrängen, ein Ausblenden von unangenehmen Gefühlen und Lebenssituationen.

Kennen Sie nicht auch solche Situationen: Sie wollen einfach nur weg, raus aus Ihrer Haut und Konflikten aus dem Weg gehen? Die Arbeit stresst Sie nur noch. Krankheiten veranlassen Sie, ihr gewohntes Leben neu zu ordnen? Ihr Leben ist zeitweise so frustrierend, die Beziehung ist schwierig und kompliziert, das kirchliche und gesellschaftliche Umfeld fordert Sie zur Veränderung heraus? Sie fühlen sich einsam, abgelehnt, nicht gut genug, verlassen, hilflos?

Warum reagieren Menschen so? Weil sie Angst um ihr gewohntes, gut konstruiertes Leben und ihre Zukunft haben. Weil sie unbearbeitete Schuldgefühle in sich tragen, weil sie wissen, dass ihre hohe Lebensqualität, die auf dem Einsatz anderer basiert, direkt mit dem Problem verbunden ist. Dazu kommt ein Gefühl der Hilflosigkeit, die Ohnmacht.

Und so ziehen es Menschen vor, so zu leben, als gäbe es diese krisenhaften Situationen nicht. Sie versuchen, sich selbst zu schützen, indem sie unangenehmen Tatsachen und der Notwendigkeit, etwas zu unternehmen, aus dem Weg gehen. Die Folgen des Wegblendens, des Blindseins für die Wirklichkeit sind schleichend und fatal. Das Ausblenden der Wirklichkeit erzeugt ein seelisches Ungleichgewicht. Und wenn die Seele krank ist, schreit der Körper: "Es sitzt mir etwas im Nacken", "es schlägt mir etwas auf den Magen" oder auf Dauer stellen sich Depressionen, Angstzustände, negatives Denken, Misstrauen ein. Zahlreiche Beispiele dafür können wir finden in der Politik, in Beziehungen in Familie und Beruf und auch in der Kirche. Gerade in der Kirche ist es besonders schwer für Menschen, wenn sie sich verändern sollen, wenn sie erahnen, spüren, dass ihr wissender und gewohnter Glaube in der Krise ist, weil die Beziehung zu Gott bei aller kirchlicher Korrektheit hinter einer tadellosen Orthodoxie aus dem Blick gerät.

Die Gemeinde des Markus ist im Prozess des "Kirchewerdens" und sucht nach den grundlegenden Kriterien der Nachfolge im Blick auf Jesus Christus. In diesem Sinn ist auch die Frage Jesu an den blinden Bartimäus im Evangelium zu verstehen: "Was willst du, das ich dir tun soll?" Die Antwort dazu gibt Markus in dem Wort: "Geh! Dein Glaube hat dich gerettet!" Und er folgte Jesus.

Der Glaube, ein Nichtwissen, aber Vertrauen ist die Grundlage christlicher Gemeinschaft. Im Bild des Bartimäus stellt Markus seiner Gemeinde einen Menschen nach dem Herzen Jesu vor. Er lässt im Bild des "weggeworfenen Mantels" von sich los. Er lässt von allem los, was er sich aufgebaut hat, um sich zu beschützen, indem er die Wirklichkeit ignoriert, und geht auf Jesus zu. Markus lädt seine Gemeinde damals und uns heute ein, auf Gott zu vertrauen und in seiner Liebe zu spüren und zu lernen, was wichtig für unser Christsein ist: Mut zu haben, sich selbst und anderen zu vergeben, Liebe zu zeigen auch auf ungewohnten Wegen, und so die Blindheit unseres Herzens und unseres Lebens zu heilen.

  • Lesen der Bibelstelle Mk 10,46b-52

    (Übersetzung aus der revidierte Einheitsübersetzung 2016)

    52b Als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ,
    saß am Weg ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus.

    47 Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut:
    Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!

    48 Viele befahlen ihm zu schweigen.
    Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!

    49 Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her!
    Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.

    50 Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.

    51 Und Jesus fragte ihn: Was willst du, dass ich dir tue?
    Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte sehen können.

    52 Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dich gerettet.
    Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach.

Gebetsvorschlag

Uns bedingungslos liebender Gott,
tausendfach suchen wir Wege dorthin,
wo das Leben besser sein soll.
Tausendfach wollen wir Menschen autark sein,
nicht angewiesen auf Hilfe und Erbarmen anderer.
Wir gehen unseren Weg als Christ und Mensch,
und zuweilen erfahren wir darin Blindheit,
blind für dich, Gott und deine Botschaft,
blind auch, weil wir nicht sehen wollen und vertrauen.
Lehre uns den Weg des Vertrauens,
denn dann erfahren wir tausendfach Stärkung,
Ermutigung, Schutz, Gemeinschaft. Amen.

Meditation

GLAUBE

heilt die Blindheit

meiner Augen,

meines Herzens und meiner Seele.
 

VERTRAUEN,

schenkt die Kraft,

hinzusehen und wahrzunehmen,

mein eigenes Leben

und das Leben des Anderen,

einzigartig und wertvoll.
 

GLAUBE – VERTRAUEN

überwinden das nicht sehen wollen,

überwinden Angst und Ohnmacht,

Schuld, seelisches Leid,

verwandeln das ICH in ein DU.


Dazu braucht es:

Ein Loslassen von mir,

und ein Zulassen der bedingungslosen Liebe Gottes,

um in einem WIR

das Angesicht der Erde zu erneuern.

(30. Sonntag im Jahreskreis Lsj B – 20.10.2021 © Christian Scheinost)