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Impuls zum sechsten Ostersonntag

"Einen Menschen

lieben heißt:

Ihn so sehen,

wie Gott ihn

gemeint hat."


(Fjodor Michailowitsch

Dostojewski)

 


(Bild:
Garten in Longleat House/England   
© Christian Scheinost)

"Ich glaube daran, dass das größte Geschenk, das ich von jemanden empfangen kann, ist, gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden. Das größte Geschenk, das ich geben kann, ist, den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren. Wenn dies geschieht, entsteht Kontakt." Dieses Zitat stammt von der US-amerikanischen Psycho- und Familientherapeutin Virginia Satir.

Es ist ein grundsätzliches Bedürfnis von Menschen, in ihrem Wesen und nicht nur in ihrem Äußeren gesehen und erkannt zu werden. Menschen fühlen sich geliebt, wertgeschätzt, angenommen und bejaht und sind dankbar. Die zwischenmenschliche Atmosphäre ist geprägt von Milde und Wärme.

Dieses Sehen oder Gesehen werden ist eine Art von Berührung, von Nähe, die heilsam sein kann, jedoch auch schmerzhaft, wenn es sich um persönliche wunde Punkte handelt, die zunächst versteckt wurden, damit sie möglichst nicht gesehen und berührt werden.

Sehen und Gesehen werden nährt sich aus einer eigenen Zufriedenheit, aus einem gesunden Selbstwertgefühl, sich selbst zu sehen, zu wertschätzen, zu lieben. Gerade eine "gesunde Selbstliebe" wird gleichgestellt mit Nächstenliebe wie es im Markusevangelium zu lesen ist (Mk 12, 31). Und doch scheint das auf sich selbst zu achten, für sich zu sorgen, zu kurz zu kommen und im Gegensatz zu stehen zum Evangelium dieses Sonntages: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer/eine sein/ihr Leben hingibt für seine/ihre Freunde." Diese Haltung Jesu zielt nicht in erster Linie auf seinen Tod ab, sie hat ihren Ursprung in der Schlüsselerfahrung bei seiner Taufe: Er ist von Gott angeschaut und geliebt. Gott hat an ihm Gefallen gefunden, so wie er ist. Aus dieser Erfahrung heraus lebte Jesus in seinen vielen Begegnungen mit anderen Menschen.

"Einen Menschen mit Gottes Augen sehen", an die unantastbare Würde und Einzigartigkeit jedes Menschen zu glauben, in dieser Haltung konnte Jesus auf die Außenseiter, die hoffnungslosen Krankheitsfälle, die Schuldiggewordenen zugehen und alle zu seinen Freundinnen und Freunden erwählen.

Im Alltag unseres jetzigen Lebens in Staat, Gesellschaft und in der Kirche erfahre ich das zuweilen ganz anders. Da steht eher Bewertung und zuweilen auch eine Abwertung von Lebensentwürfen im Vordergrund: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegenüber Schwulen, Obdachlosen, Moslems, Juden und Christen, Impfgegnern, Menschen mit körperlichen und seelischen Behinderungen … Feindbilder stehen ganz hoch im Kurs.

Für die johanneische Gemeinde war Spaltung und Trennung, am Ende des ersten Jahrhunderts ein großes Thema: Spannungen über den „wahren Glauben“, Mitgliederschwund, viele drohten sich aus der Gemeinde zu verabschieden. Die Liebe wurde unglaubwürdig in der Bewertung eines frommen Lebens durch die Mitglieder der Gemeinde. Johannes will mit dem Verweis auf die Lebenshaltung Jesu die Gemeinde erneuern: Einander Freunde und Freundinnen zu sein, die sich mit den Augen Gottes sehen, einzigartig geliebt. Es braucht ein Sehen und Gesehen werden. Das ist Ostern: Gott schenkt den Menschen ein ewiges Geliebt sein.

Wir sind eingeladen die jesuanische Lebenshaltung einzunehmen, auf dass der Himmel auf Erden anbricht.

  • Lesen der Bibelstelle Joh 15,9-17

    (Übersetzung aus der revidierte Einheitsübersetzung 2016)

    9 Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt.
    Bleibt in meiner Liebe!

    10 Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben,
    so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.

    11 Dies habe ich euch gesagt,
    damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird.

    12 Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe.

    13 Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.

    14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.

    15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut.
    Vielmehr habe ich euch Freunde genannt;
    denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.

    16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt
    und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt.
    Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.

    17 Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt. 

Gebetsvorschlag

Gott, mütterlicher Vater,
in Deiner Liebe zu uns, siehst Du uns, wie wir sind,
gibst Du Dich hin, ohne zu fragen, was dies einbringt,
verzeihst, erlöst und befreist uns von dem, was niederdrückt.
Äußerlichkeiten sind für Dich nicht maßgeblich.
Keine von Menschen gemachten Gebote und Verbote,
sondern Ich – als Mensch – stehe im Mittelpunkt.
Durch Ostern hast Du Deine Liebe zu uns himmlisch gemacht.
Mache uns immer mehr zu österlichen Menschen,
die mit Deinen liebevollen Augen die Menschen sehen
und als Deine Freunde und Freundinnen
Deine gute und froh machende Nachricht erfahren lassen.
Amen.

Meditation

Sieh die Welt mit Gottes Augen:

In Hass und Streit,

in Krankheit, Not und Leid,

ist Gott da, unerkannt;

Er liebt die Welt

schenkt trotz allem Versöhnung und Heil,

eröffnet einen Neuanfang.


Sieh den Menschen mit Gottes Augen:

In die Ausgrenzung, Bewertung

und Abgrenzung von anderen Menschen,

spricht Gott seine bedingungslose Liebe.


Sieh das Leben mit Gottes Augen:

In die Endlichkeit, in die Sterblichkeit,

in den Tod legt Gott seine Zusage:

Das Leben geht weiter,

verwandelt, erlöst, befreit.
 

Sieh dich selbst mit Gottes Augen:

Du bist wertvoll, einzigartig, geliebt,

du bist gesehen von ihm

auch in und mit deinen Fehlern und Schwächen,

in und mit deinen Ecken und Kanten.


Mit Gottes Augen sehen

und im Bewusstsein zu leben,

   von Ihm gesehen und geliebt zu werden,

das ist Ostern jeden Tag,

ein ewiges Geliebt sein,

und die Erde riecht nach Himmel.


(6. Ostersonntag Lsj B – 05.05.2021 © Christian Scheinost)