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Impuls zum 1. Adventssonntag

"Gib jedem Tag

die Chance,

der schönste

deines Lebens

zu werden."

(Mark Twain)


(Bild: Garten des Goethehauses in Weimar
© Christian Scheinost)

"Leben ist das, was passiert, während du beschäftigst bist, andere Pläne zu machen." So beschreibt John Lennon, der Gitarrist und Sänger der einstigen britischen Rockband "The Beatles" das Leben. Und hat er nicht recht damit?

Nicht wenige Menschen, so meine Wahrnehmung, leben heute doch wenig präsent im Moment des Lebens, vielmehr ist der Moment der Gegenwart erfüllt von der wohlgeordneten und sicheren, verklärten Vergangenheit und von einer nicht bestimmbaren Zukunft, die Angst macht. Das hat etwas mit "Depression" zu tun. Depressive Menschen haben es oft besonders schwer, den Augenblick zu erleben. Sie verharren entweder in der Vergangenheit oder lassen sich von Zukunftsängsten plagen. Die Zeit vergeht ohne sie.

Depressiv erlebe ich zuweilen, wie Christinnen und Christen als Kirche leben. Die Vergangenheit wird selektiv verklärt: Alle gewesenen Aktionen, bereichernden Erfahrungen werden in die Gegenwart verlängert, damit die Zukunft genauso sicher und bereichernd wird wie die Vergangenheit. Die Schwierigkeit dabei ist, dass sich Menschen wandeln und eine Welt sich weiterentwickelt und Antworten der Vergangenheit zu zukünftigen Fragen oft nicht mehr passen.

Depressiv erlebe ich zurzeit ebenfalls unsere Welt und Gesellschaft in der Coronapandemie. Die Vergangenheit war so schön. War sie das? Haben wir nicht vor einigen Monaten darüber gejammert, dass der Stress ständig zunimmt und der Egoismus unter den Menschen und die Gewalt und die Fremdenfeindlichkeit, genauso wie der Klimawandel das menschliche Leben auf Dauer auf eine harte Probe stellt. Die nahe Zukunft treibt Menschen zudem ängstliche Sorgenfalten ins Gesicht, wenn sie an Weihnachten und die Kontaktbeschränkungen denken oder an ein Virus, das wir selbst mit einer Impfung, die womöglich ungeahnte Folgen hat, nicht mehr los werden.

Mit Vergangenheit und Zukunft beschäftigt stehen wir alle mehr oder minder in der Gefahr, dass der Augenblick des Lebens an uns allen vorbeirennt.

Markus schreibt sein Evangelium in einer für seine Gemeinde gefährlichen Zeit nieder. Viele Christen erlebten Verfolgungen durch römische Besatzer und erduldeten materielle Not. Einschüchterungen und Falschaussagen erzeugen ein Klima der Angst und Verzweiflung. Andere finden ihr Heil in einer radikalen Weltflucht. Diesen Tendenzen will Markus entschieden entgegenwirken.

Die noch kleine christliche Minderheit muss überleben, in ihren Drangsalen getröstet und ermutigt und der christliche Glaube in die Welt getragen werden.
Es darf zu keiner "geistigen und geistlichen Lähmung" kommen.

Markus sagt mit dem Text, den wir heute am ersten Adventssonntag hören, mit der Wiederkunft Christi beginnt etwas Neues: Christus kommt, der Messias, der dienende und liebende Gottessohn, und er bleibt da. Die Welt wird zum Himmel. Davor braucht keiner Angst zu haben.

Und zum anderen will er seine Gemeinde damals und uns heute einladen in der Gegenwart zu leben, denn da findet das wirkliche Leben statt, mit all seinen Herausforderungen, aber auch mit seiner ganzen Schönheit. Wach zu sein, eigenverantwortlich christlich zu leben, wer so lebt, der ahnt und spürt – wie damals als Kind – etwas von dieser allgegenwärtigen, umfassenden Liebe, welche diese Welt trotz ihrer Kapriolen in ihrer Bahn hält.

Sei wachsam und gewinne das Leben.

  • Lesen der Bibelstelle Mk 13,24-37

    (Übersetzung aus der revidierte Einheitsübersetzung 2016)

    24 Aber in jenen Tagen, nach jener Drangsal,
    wird die Sonne verfinstert werden und der Mond wird nicht mehr scheinen;

    25 die Sterne werden vom Himmel fallen
    und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.

    26 Dann wird man den Menschensohn in Wolken kommen sehen,
    mit großer Kraft und Herrlichkeit.

    27 Und er wird die Engel aussenden
    und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen,
    vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.

    28 Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum!
    Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben,
    erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist.

    29 So erkennt auch ihr, wenn ihr das geschehen seht, dass er nahe vor der Tür ist.

    30 Amen, ich sage euch:
    Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht.

    31 Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.

    32 Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand,
    auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.

    33 Gebt Acht und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.

    34 Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen:
    Er übertrug die Vollmacht seinen Knechten, jedem eine bestimmte Aufgabe;
    dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein.

    35 Seid also wachsam!
    Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt,
    ob am Abend oder um Mitternacht,
    ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen.

    36 Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen.

    37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!

Gebetsvorschlag

Gott, unser liebevoller Erlöser,
wir strecken uns nach dir aus, wir feiern Advent.
Und wenn du kommst, wird eine neue, gute Zeit beginnen.
So wollen wir die Türen hoch und die Tore weit machen,
damit du in unsere Häuser und Herzen kommen kannst.
Um Licht in die Dunkelheit zu bringen,
Weinen in Lachen zu verwandeln,
Sorgen zu vertreiben und Hoffnung zu stiften.
Hilf uns Vergangenes ruhen zu lassen
und wachsam in der Gegenwart Neues beginnen zu lassen,
damit der Himmel anbricht mit dir und in dir und in uns.
Amen.

Meditation

LEBE IN DER GEGENWART,

denn die Vergangenheit ist vorbei

und die Zukunft noch nicht da.
 

LEBE IN DER GEGENWART

und spüre das Leben,

das wirkliche Leben:

   Spüre dein Leben in dieser Zeit

   und in dieser Welt,

   zwischen Liebe und Ablehnung,

   zwischen Frieden und Streit,

   zwischen Hoffnung und scheinbarer Hoffnungslosigkeit,

   zwischen DU und ICH.


LEBE IN DER GEGENWART

wachsam und achtsam,

ausgestreckt nach Gott,

zuversichtlich und hoffnungsvoll.


LEBE IN DER GEGENWART

und lass dich ein auf das Leben,

mit seinen Begrenzungen und Kapriolen,

und spüre in alledem:

Du bist nicht allein,

   Gott ist da,

   bei dir, bei mir, bei uns allen

   - heute und hier.
 

(1. Adventssonntag Lsj B – 26.11.2020 © Christian Scheinost)